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Kafka am Strand: Roman (Das Besondere Taschenbuch) - Haruki Murakami

Auf mehrfache Empfehlung hin, habe ich mich endlich mal an einen Murakami herangetraut. Was für ein wunderbares Buch, gefüllt mit einem reichen Schatz an Weisheit, Traumhaftigkeit und Fantasie! Sprechende Katzen! Sardinen, die es vom Himmel regnet! Das klingt doch vielversprechend, oder?!

 

Kurzinfos zum Buch

Veröffentlicht: März 2006
Verlag: btb
Seitenzahl: 640
ISBN: 9783442733231
Preis: 10.00 Euro (Taschenbuch)

>> Zum Verlag
 

Darum geht es:

Kafka Tamura ist 15 Jahre alt und hat beschlossen, vor der Prophezeiung zu fliehen, die ihm sein Vater einmal gemacht hat. Also nimmt er gut vorbereitet und als der angehende „stärkste 15jährige der Welt“ Sack und Pack und verlässt Tokio. Seine aufregende Reise verschlägt ihn in eine kleine Bibliothek, in der er die Bekanntschaft mit Saeki-San schließt. Obwohl der Altersunterschied zwischen beiden sehr groß ist, spürt Kafka eine starke emotionale Verbindung zwischen ihnen.
Zeitgleich wird der liebenswerte ältere Herr Nakata zu einem Mord gezwungen und muss kurzerhand flüchten. Auch er begibt sich auf eine lange Reise, auf der er vieles lernt und erlebt – und auf der er vor allen Dingen etwas Wichtiges sucht. Wie hängen diese beiden Schicksale miteinander zusammen? Und was ist am Ende noch Wirklichkeit?

 

Meine Bewertung:

 

„Hin und wieder hat das Schicksal Ähnlichkeit mit einem örtlichen Sandsturm, der unablässig die Richtung wechselt. Sobald du deine Laufrichtung änderst, um ihm auszuweichen, ändert auch der Sturm seine Richtung, um dir zu folgen.“

Murakami: Kafka am Strand, S. 9

 

Den Jungen Kafka Tamura erfahre ich als verschlossenen und klugen Geist, voller Gedanken, Zweifel und Fragen über sich und die Welt. Bemüht darum, die Kontrolle über seinen Körper und Handlungen zu erlangen, trainiert er schon seit geraumer Zeit in Fitnessstudio und schult sich mit seinem Freund Krähe dank häufiger Bibliotheksbesuche in geistreichen Diskussionen. Der Verlust seiner Mutter und Schwester im Alter von 4 Jahren beschweren sein Herz. Auch das schlechte Verhältnis zu seinem Vater belastet den Jungen. Deswegen beschließt Kafka an seinem 15. Geburtstag das Elternhaus zu verlassen und vor der dunklen Prophezeiung seines Vaters, die sehr an die griechische Sage des Ödipus erinnert, zu fliehen. Am Ende findet Kafka seinen Weg, auch dank Krähe, in die Unterwelt und steht vor einer schwierigen Entscheidung.

Der zweite Handlungsstrang, der sich neben Kafkas Beschluss aufbaut, handelt von Nakata, dem etwa 60jährigen Mann, der zwar nicht lesen und schreiben kann und auch sonst von seiner Umwelt als „dumm“ bezeichnet wird. Aber Nakata kann mit Katzen sprechen – diese Gespräche erfüllten mein Herz ungemein – und sein Tun wird umhüllt von einer Art buddhistischer Weisheit. Nakatas Umgang mit den Menschen ist ehrlich, gutmenschlich und liebenswert. Im Gegensatz zu Saeki, die Kafka in der Gedächtnisbibliothek kennenlernt, lebt Nakata vollkommen in der Gegenwart.

Das Leben mit der Zeit und die Veränderung und Weiterentwicklung, die diese für die eigene Identität bedeutet sind das große Rahmenthemas des Buches. Wie viele Personen trägt man in sich? Steckt vielleicht in einem 40jährigen nicht auch irgendwo verborgen im Innersten sein 15jähriger Vorgänger? Es geht auch um den fernöstlichen Schicksalsglauben; der Unausweichlichkeit des vorbestimmten Lebensweges. Murakami schafft es, diese asiatische Idee mit unserem westlichen Glauben an Individualisierung zu einen.

Zauberhaft sind die Ideen des Buches. Die bildhafte und tiefgehende Sprache rief bei mir eine lebendige Szenerie im Kopf hervor und ich beobachtete begeistert die Figuren bei ihren Taten. Die Wahrnehmung der Welt durch Kafkas Augen ist eine große Bereicherung für mich gewesen. Er hat ein unglaublich reifes Verständnis von Literatur. Auch Musik als weitere Leidenschaft des Autors bildet immer wieder einen Schwerpunkt, der sich auf die Figuren verändernd auswirkt. Ich wandelte durch die fremde Welt, die Murakami heraufbeschwört, mit staunenden Augen, lachendem und weinendem Herzen. Ich erschrak über manche Stellen (Die Umstände des Mordes durch Nakatas Hand). Und ich spürte das Unbehagen Kafkas im Wald:

 

„Ich habe nicht gewusst, dass Bäume so unheimlich sein können. Die einzigen Pflanzen, die ich bisher gesehen und berührt habe, sind sorgfältig gehegte und gepflegte Pflanzen in der Stadt gewesen. Aber diejenigen, die es hier gibt – nein, die hier leben – sind völlig anders. Sie haben physische Kraft, haben einen Atem, den sie gegen die Menschen ausstoßen, und scharfe Blicke, mit denen sie ihre Beute fixieren. Sie verfügen über uralte, dunkle Zauberkräfte.“

Murakami: Kafka am Strand, S. 187

 

Fazit:

Murakamis Roman „Kafka am Strand“ erzählt die Geschichte eines sehr mutigen und klugen Jungen, der einige grundsätzliche Fragen des Lebens klären muss. Die Figuren werden begleitet von einer großen Weisheit, werden gelenkt und gesteuert durch ihr vorbestimmtes Schicksal. Und doch sind sie Einzelkämpfer, die sich aus der Masse der Gesellschaft hervorheben. Murakami schafft eine Symbiose zwischen ostasiatischer und westlicher Welt auf eine sehr lebendige Weise. Man begibt sich selbst mit Kafka und Nakata auf die große Reise in einer Traumwelt. Man sieht Dinge, die einen sprachlos machen. Fühlt plötzlich die Musik auch ein wenig anders. Man spürt die Leere Nakatas und Entsetzen und Freude. Es ist ein sehr tolles Buch, voller Fantasie und Kraft, und doch stimmt es sehr nachdenklich.

 
5 von 5 Bewertungskatzen