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Lesewiese

Aus Liebe zum geschriebenen Wort.

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"Ich gehe in den Lesesaal zurück, setze mich aufs Sofa und tauche wieder in die Welt der Märchen aus 1001 Nacht ein. Wie beim Fade-Out auf der Leinwand versinkt die Welt um mich herum allmählich, und ich betrete ganz allein das Reich zwischen den Seiten. Dieses Gefühl liebe ich mehr als jedes andere."

Haruki Murakami: Kafka am Strand (S. 83)

Erin Morgenstern: Der Nachtzirkus (Hörbuch)

Als das Buch „Der Nachtzirkus“ erschien, spürte ich, dass ich dieses Buch auf jeden Fall haben möchte. Die Inhaltsangabe klang verschwörerisch und geheimnisvoll. Der Wunsch versank im Getümmel anderer Bücher, die bei mir eintrafen und erst kürzlich, als ich eine Reportage über Matthias Brandt sah, stieß ich wieder auf diese magische Geschichte. Als Schauspieler schätze ich Brandt sehr und beschloss, dass, wenn er mich nicht von Hörbüchern überzeugen könnte, es wohl niemand kann auf dieser Welt. Als ich bei Audible.de seine gesprochenen Bücher durchblätterte, stieß ich auf „Der Nachtzirkus“. Ohne überlegen zu müssen, stellte ich es es in meine digitale Hörbuchbibliothek und wir beide, der Zirkus und ich, warteten gespannt auf unseren ersten gemeinsamen Tag.

 

Kurzinfos zum Buch

Veröffentlicht: 30. März 2012
Verlag: Hörbuch Hamburg
Spieldauer: 14 Std. 09 Minuten (ungekürzt)
ISBN: 3899033558
Preis: 19.99 Euro (Gebundene Ausgabe)
Gesprochen von: Matthias Brandt

Kauf mich bei Audible.de!

Die englischsprachige Homepage der Autorin:
www.erinmorgenstern.com
 

 

Darum geht es:

“Er kommt ohne Ankündigung und hat nur bei Nacht geöffnet: der Cirque des Rêves – Zirkus der Träume. Um ein geheimnisvolles Freudenfeuer herum scharen sich fantastische Zelte, jedes eine Welt für sich, einzigartig und nie gesehen. Doch hinter den Kulissen findet der unerbittliche Wettbewerb zweier verfeindeter Magier statt. Sie bereiten ihre Kinder darauf vor, zu vollenden, was sie selber nie geschafft haben: den Kampf auf Leben und Tod zu entscheiden. Doch als Celia und Marco einander schließlich begegnen, geschieht, was nicht vorgesehen war: Sie verlieben sich rettungslos ineinander. Von ihren Vätern unlösbar an den Zirkus und ihren tödlichen Wettstreit gebunden, ringen sie verzweifelt um ihre Liebe, ihr Leben und eine traumhafte Welt, die für immer unterzugehen droht.”

© Klappentext: Ullstein

 

Meine Bewertung:

Zirkussen an sich haftet eine sehr gauklerische, atmosphärische Stimmung an. Sie entführen einen für eine kurze Weile aus der Welt, hinein in eine andere mit Fantasie, Zauber und Mystik (so habe ich mir jedenfalls als Kind Zirkusse vorgestellt). Man bestaunt artistische, unterhaltsame und trickreiche Kunststücke, und meist wird das Reich des Zirkus erst durch Gedankenspiele eine andere Welt, weil man um die Tricks weiß, derer sich bedient wird. Der Nachtzirkus jedoch, der Cirque des Rêves – der Zirkus der Träume – ist ein Zirkus, den man sich anstelle der anderen gerne wünscht. Denn in ihm gibt es die wirkliche Magie. Eine, die ohne Tricks auskommt. Er beherbergt Zelte, die an Zauber kaum zu übertreffen sind, jedes eine eigene Traumwelt aus der man nicht auftauchen möchte. Zauberkünstler, Artisten, bunte Feuer und Wunschbäume reihen sich aneinander und wissen die Menschen zu begeistern. Er taucht unangekündigt auf und öffnet nur nachts seine Zelte. Was die Besucher nicht wissen, ist, dass der Zirkus als Austragungsort eines Wettkampfes geschaffen wurde. Einem Wettstreit zwischen den Erwählten zweier alter Zauberer, der den Tod als Ende hat. Celia und Marco sind es, die ihn auszutragen haben – und sie verlieben sich ineinander.

Fantasy-Geschichten stehe ich insgesamt sehr skeptisch gegenüber. Eine Erzählung über Magie und Zauberei zähle ich jetzt einfach mal zu diesem Genre. Normalerweise bin ich diesem nicht zugetan. Und doch gibt es ein paar Bücher, die ich ganz wunderbar finde. Auch ich bin ein gebranntes Kind was Harry Potter angeht. Ich habe alle HP-Bücher verschlungen und konnte kaum erwarten, dass das nächste erscheinen würde. Auch die Trilogie von Tolkien hat mir gut gefallen, wobei ich gestehen muss, die Bücher nie gelesen zu haben. Dafür aber den kleinen Hobbit, ein ganz wunderbares Märchen aus dem Auenland, das ich auf jeden Fall zu einem meiner liebsten Bücher zählen würde. Schließlich gibt es noch die Trilogie von Philipp Pullman (Der goldene Kompass, Das magische Messer und Das Bernstein-Teleskop), die ich auf meiner Liste stehen habe und von denen ich mir sehr viel verspreche. Die Idee dahinter hat es mir jedenfalls im ersten Film der Reihe sehr angetan. Insgesamt kann ich festhalten, dass dies alles Geschichten sind, in denen Zauber und Magie eine mehr oder weniger große Rolle spielen. Ich fürchte jedoch, dass das Thema mittlerweile sehr durchgekaut ist und es sich als schwierig erweist, meiner Fantasie wohltuende Bücher zu finden, die ein Genuss an Einfallsreichtum sind.

Beim Nachtzirkus hatte ich von Anfang an das Gefühl, es würde sich nach langer Zeit mal wieder lohnen, in das Reich der Bücherträume zu verschwinden. Tatsächlich wurde ich Teil einer wunderbaren Welt, bei der ich es sehr bedauerlich finde, dass sie nur ein Fantasiegebilde ist und meinen echten Sinnen verschlossen bleiben wird. Die Idee eines heimlich wandernden Zirkus voller echter Magie und Zauberei an sich, gefällt mir ausgesprochen gut. Sie hat wahnsinnig viel Potential. Und das hat Erin Morgenstern in ihrem Debütroman aus meiner Sicht ausgeschöpft. Ihre Sprache ist so voller Liebe zum Detail, dass man beim Hören das Gefühl hat, man könnte den Vorhang berühren, der wie Regen klingt, wenn die kleinen Perlen aneinanderstoßen. Man könnte diese Luft, die nach Karamell riecht, einatmen. Als stünde man selbst in der Menge der Begeisterten, die vor Staunen den Mund nicht mehr schließen können und von einer Unglaublichkeit in die nächste stolpern. Ihre Worte sind so zart gewählt, dass sie eine subtile Stimmung erzeugen, die sanft über die Haut streift und einen damit unbemerkt fesselt, einen auch nach der letzten Seite nicht mehr loslässt. Sie sind wie die wärmenden Strahlen der ersten Frühlingssonne, wie weiche Wolken, und die eiskalten Blütenblätter der gefrorenen Rosen im Eisgarten. Wie das feine Rascheln der kleinen Tiere, die sich über die leise knackenden Ästchen eines mächtigen Baumes bewegen. Man spürt das Knistern des Feuers, und die Knitter des Papiers, auf denen die magischen Geheimnisse festgehalten sind.

Die Figuren von denen „Der Nachtzirkus“ erzählt, sind es jede für sich allein schon wert, das Buch zu lesen. Alle hüllen sich in kristallklaren Nebel – man sieht sie und doch wieder nicht. Man gleitet ein wenig über ihre Geheimnisse, glaubt sie zu fassen und verliert sie, bevor man sie ganz begreifen kann. Sie sind fantastisch. Dazu braucht es noch nicht einmal die sanfte Liebesgeschichte zwischen Celia und Marco. Wie sollte es anders sein, als dass sich ausgerechnet die beiden ineinander verlieben, die gegeneinander um Leben und Tod zu kämpfen haben. Und doch tropft die Romantik ihrer Beziehung nur stellenweise offensichtlich aus der Geschichte, dass sie niemals die Oberhand gewinnt. Sie bleibt unaufdringlich im Hintergrund, stellt den Zirkus als solches in den Fokus der Erzählung und bewahrt so auch vor kitschigen Dialogen und überflüssigen Wortwechseln. Ihre Liebesszenen sind verkleidet in Sprachspielereien, die man fast nicht berühren möchte, aus Angst sie zu zerbrechen. Doch nicht nur die beiden Erwählten, sondern die gesamte Gesellschaft des Zirkus sind es Wert, ihn zu besuchen. Ob es die Artisten und Künstler an sich sind, oder die begeisterten und treuen Anhänger des Zirkus, allen voran der deutsche Uhrenmacher Thiessen.

Ich habe den Nachtzirkus auditiv besucht und ich denke, meine Begeisterung gebührt auch zu einem nicht geringen Teil dem Sprecher Matthias Brandt, den ich mir ab jetzt für jeden Abend als Gute-Nacht-Geschichten-Erzähler wünsche. (Mein Opa kann auch sehr gut Geschichten erzählen, aber an dieser Stelle muss ich Herrn Brandt den Vorzug geben.) Er hat dem Zirkus sehr viel Leben eingehaucht und ihn bunter gefärbt, als er nicht an sich schon war. Seine facettenreiche Stimme hat jede Figur als solche noch einmal neu bekleidet, ihnen Charme und Charakter verliehen. Besonders die Passagen, die sich direkt an den Leser wenden, wirken sehr eindringlich und tief. Und wenn ich mir das Buch gleich kaufen gehe, und es noch einmal lesen werde, dann habe ich sicher stets seine Stimme im Ohr, die mir alles vorliest.

 

Fazit:

Ich kann mir eigentlich gar nicht vorstellen, dass ich jemals ohne diese Geschichte ausgekommen bin. Während beim Lesen ein Gefühl mitschwingt, sie sei schon hunderte Jahre alt, ist sie doch erst in diesem Jahr aufgeschrieben worden. Sie ist schlicht, aber brillant, denn sie strahlt durch die Liebe der Autorin zu ihrer eigenen Geschichte. Ich finde den „Nachtzirkus“ absolut wunderbar. Wer sich nicht zwischen Hörbuch und Buch entscheiden kann: nehmt einfach beides. Ich kann euch das Hörbuch wärmstens empfehlen. Matthias Brandt als Sprecher hat ganz herausragende Arbeit geleistet.
 

Quelle: http://www.lesewiese.net/?p=3392

Peter Stamm: Agnes (Rezension)

“Agnes” ist das Buch, welches ich mir bei der Aktion Lesefreunde am Welttag des Buches als Buchpaket aussuchte. Ich hatte es vorher nicht gelesen und fand die Inhaltsangabe sehr spannend, die eine Liebesgeschichte versprach, die in doppelter Hinsicht erzählt werden sollte. Jetzt war ich endlich mal in der Stimmung dazu, mir selbst ein Bild von “Agnes” zu verschaffen.


Kurzinfos zum Buch

Veröffentlicht:1998
Verlag: Fischer
Seitenzahl: 160
ISBN: 3596179122
Preis: 8.95
Ausgabe zum Welttag des Buches

 

Darum geht es:

“Im überheizten Lesesaal der Public Library in Chicago wechseln sie die ersten Blicke, bei einem Kaffee die ersten Worte. Eines Tages fordert Agnes ihn auf, ein Porträt über sie zu schreiben, sie will wissen, was er von ihr hält. Schnell zeigt sich, dass Bilder und Wirklichkeit sich nicht entsprechen – und dass die Phantasie immer mehr Macht über ihre Liebesbeziehung erhält.”

© Klappentext: Fischer Verlag

 

Meine Bewertung:

Auf den ersten Blick scheint “Agnes” eine Geschichte über die Beziehung zwischen zwei Menschen zu sein. Während der gesamten Erzählung steht diese Beziehung im Vordergrund und alles, was diese in der Wirklichkeit rahmt und streift, wird nur recht nebulös umrissen. Im Grunde scheint dieses Buch eine Charakteristik einer Liebesbeziehung zu sein. Die beiden Personen, welche diese Partnerschaft gründen, werden sehr genau dargestellt, sodass man als Leser einen tiefen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der beiden (ein Schweizer Autor, der in Chicago für die Recherche eines weiteren Buches gereist ist und die junge Physikerin Agnes) bekommt.

Agnes wird als eine sehr ängstliche, nachdenkliche Person beschrieben, die – so hatte ich den Eindruck – vielen Dingen sehr negativ zugewandt ist und mehr ablehnt, als annimmt. Ihr Wesen erschien mir über weite Strecken sehr schwermütig und traurig. Ihr Freund, den sie zu Beginn des Textes in der Bibliothek kennenlernt und aus dessen Perspektive das Buch erzählt ist, beschreibt sie als unergründlich und schwer interpretierbar. Seine Gefühle werden intensiver, als er sie jemals erlebt hat. Das gründet sich auch darauf, dass sie ihn darum bittet, eine Geschichte über sie selbst zu schreiben. Recht schnell bemerkt man als Leser, dass sich die Phantasie einen Zugang zur Wirklichkeit verschafft und mehr Einfluss auf sie ausübt, als ihr gut tut. Immer mehr wird ihre Beziehung von der Geschichte verändert.

Doch nicht nur die Veränderung ihrer Liebesbeziehung wird thematisiert: Im Hintergrund schleicht der Tod um die beiden Akteure. Bereits mit dem ersten Satz “Anges ist tot”, zeigt er sich und während der gesamten Handlung werden immer mal wieder Fragen aufgeworfen, die ihn stark berühren. Insgesamt erhält der Text damit etwas Dunkles, und etwas von Schuld behaftetes. Dass die Beziehung der beiden nicht im Glück endet, verspricht schon der erste Satz, deswegen sei nicht zu viel verraten, dass Agnes am Ende des Buches verschwindet – mit dem Ende der Geschichte, die der männliche Charakter über sie schreiben sollte. Somit schließt sich der Kreis, denn es wird klar, dass das gemeinsame Erstellen dieser Geschichte die Beziehung zerbrechen ließ.

Interessant ist dieses Buch deswegen, um den Verlauf ihrer Beziehung nachzuvollziehen und diese Gefühle zu spüren, die beide Figuren umgeben. Trotz der relativ wenigen Seiten  ist es Peter Stamm gelungen, ein sehr komplettes Bild über beide Figuren zu erschaffen. Zu meinen Favoriten kann ich Agnes jedoch nicht stellen, denn eine seltsame Distanz stellte sich zwischen die Charaktere und mich und obwohl man sich sehr nahe kam, war es mir nicht möglich, wirklich Sympathie – auch wenn es nicht immer darum geht – zum Erzähler aufzubauen. Es bleibt für mich als kalter Text in Erinnerung, der aber nichts desto trotz sehr tiefgründig und maßgeschneidert erzählt ist.

 

Fazit:

“Agnes” handelt von der Endlichkeit von Liebe. Die Beziehung beider Hauptfiguren verändert sich durch die Geschichte, die der männliche Protagonist über Agnes schreibt. Obwohl das Buch auf den ersten Blick wie ein Liebesroman anmutet, werden immer wieder Fragen nach dem (Sinn des) Leben(s) aufgeworfen: Was geschieht mit uns nach dem Tod? Wonach streben wir in der Endlichkeit unserer Existenz? Zugleich wird dem Leser durch den sehr klaren und schwunglosen Schreibstil vor Augen geführt, welche Macht unsere Gedanken auf unser Verhalten und die Beziehung, die wir pflegen, haben.

 

Quelle: http://www.lesewiese.net/?p=1914